• Dr. Felix Müller

    Ökosysteme und lokale Kooperationen werden als Innovationstreiber immer wichtiger. Ein Interview mit Dr. Felix Müller. April 2021.

    Mit unserem Openness-Scanner wollen wir Veränderungsprozesse aufdecken und nachverfolgen. In Interviews gehen wir der Frage nach, wo Wissenschaft und Innovation in verschiedenen Bereichen im Hinblick auf ihren Openness-Grad stehen, welche Auswirkungen sich durch aktuelle Entwicklungen, wie zum Beispiel die Corona-Pandemie oder auch die Klimakrise ergeben und inwiefern sich daraus langfristig wirksame Veränderungen ergeben können.

    Felix Müller ist Head of Academia Relations & Networks im Bereich Research, Development & Innovation bei Evonik Operations GmbH. Er ist außerdem Teil unseres innOpeers Lernnetzwerkes für Open Innovation. Wir haben Felix Müller zu Beginn der Corona-Pandemie 2020 zum ersten Mal interviewed und ein Jahr später nun mit ihm reflektiert, was sich seitdem verändert hat.

    Felix Müllers Interview-Antworten sind seine persönliche Einschätzung als Privatperson.

    Guten Tag, Herr Müller! Schön mit Ihnen zu sprechen. Können Sie uns ein wenig über Ihren Hintergrund erzählen?

    Gerne. Ich bin Chemiker, habe 1992 in Chemie promoviert und dann in der chemischen Industrie gearbeitet. Erst bei der Firma Goldschmidt, die dann zur SKW wurde, die dann zur Degussa wurde, die dann zu Evonik wurde. Viele Jahre in einem Feld, wo es um Rohstoffe für Waschmittel, Kosmetik, Nahrungsmittel, eine ganze Menge Produkte des täglichen Daseins ging, die im Regelfall heutzutage per Open Innovation, in Kooperation mit Unternehmen, die die Produkte an den Markt bringen, vermarktet werden. Seit zehn Jahren bin ich bei Evonik Partner für die Hochschulen, um Open Innovation Themen aufzugreifen und gemeinsame Projekte voranzutreiben.

    Wir haben Sie vor einem Jahr zu ersten Mal interviewed. Wo haben Sie damals, ausgelöst durch die Corona-Krise, Veränderungen bei offenen Praktiken in Wissenschaft und Innovation beobachtet und in der Bereitschaft diese zu nutzen?

    Bereits 2020 hatte ich persönlich das Gefühl, dass wir mit der Corona-Krise noch ganz am Anfang stehen. Damals habe ich gesagt – keiner kann kompetent die gesundheitlichen und ökonomischen Konsequenzen abschätzen, vor allem in Ländern mit begrenzter medizinischer Infrastruktur.

    Ich habe vor allem in der modernen Service-industrie dramatische Verwerfungen erwartet und prognostiziert, dass sich die versorgenden Bereiche, Landwirtschaft und Industrie auf eine stärker lokal orientierte Versorgungskette vorbereiten müssen. Für Open Innovation dachte ich, wäre das sicher eine erhebliche Belastung. Projekte und Initiativen würden weiterverfolgt, aber die starke Fokussierung auf mehr oder weniger ein Thema würden neue Ansätze schwierig machen.

    Und was sagen Sie heute?

    Also ich glaube überspitzt gesagt, die Bundesregierung hat meine Einschätzung wahrscheinlich Wort für Wort gelesen, denn sie hat sich ja doch stark darauf fokussiert, gerade die produzierende Industrie in der Krise sehr stark in ihrer Funktionalität zu erhalten.

    Und man sieht auch ganz klar, für Open Innovation ist das nach wie vor eine Belastung. Insbesondere in der Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Hochschulen. In den letzten 12 Monaten haben wir gefühlt ein Drittel weniger an Forschungsleistungen gesehen als in früheren Jahren. Es gab auch weniger Masterarbeiten, Doktorarbeiten und Paper. In unserem Bereich lag das vor allem an den fehlenden Labor Zeiten, die sind mit der Pandemie auf der Strecke geblieben. Der Austausch von Daten ist auch weiterhin schwierig, aber wir haben gelernt zu improvisieren und es gibt mittlerweile bessere technische Lösungen. Da entstehen zurzeit spannende Innovationen.

    Welche Chancen und Herausforderungen sind mit den beschriebenen Veränderungen verbunden?

    Ich sehe sowohl Chancen als auch Herausforderungen. Vor einem Jahr hatte ich in unserem Gespräch bereits gesagt, dass insbesondere neue lokale Innovationsallianzen aufgesetzt werden müssen und dass, wer es schafft, als Hochschule oder Unternehmen sich zu positionieren und neue Verbindungen zu schmieden im Vorteil ist. Das hat sich in der Pandemie bewahrheitet. Von Darmstadt und Hanau nach Mainz ist es natürlich nicht weit und Kooperationen funktionieren auch in der Krise einwandfrei. Manches ist einfacher als in der Zusammenarbeit zum Beispiel mit Amerika oder Asien. Ich sehe immer mehr lokale Innovationsallianzen in immer mehr Bereichen – in Deutschland und auch in Europa. Wir haben zum Beispiel viele Kooperationen zwischen Nordrhein-Westfalen mit Belgien oder Holland. Da gibt es einige große Initiativen, die insbesondere über regionale Netzwerke funktionieren. Beispielsweise Brightlands, das auch in der Pandemie viel Interaktion bietet, oder NWMP (Cluster NanoMicroWerkstoffePhotonik in NRW. Hilfreich ist hier sicherlich, dass diese auch politisch gefördert werden.

    Wie denken Sie, wird Ihr Arbeitsbereich im Hinblick auf Openness und Kollaboration nach der Krise aussehen?

    Auch nach der Corona-Krise wird kein industrieller Stakeholder in der Wertschöpfungskette alleine in der Lage sein, grundlegende Innovationen in einem begrenzten Zeitrahmen durchzuführen. Daher ist ein Ökosystem von der Hochschule bis zum Consumer Goods Produzenten oder OEM dann genauso notwendig wie vor der Krise. Die Partner werden dann aber vermutlich jeweils erstmal lokaler sein.

  • Dr. Lutz Möller

    Die Chancen für Open Science als Bewegung sind groß und offensichtlich! Ein Interview mit Dr. Lutz Möller, Stellvertretendem Generalsekretär der Deutschen UNESCO-Kommission. Mai 2021.

    Mit unserem Openness-Scanner wollen wir Veränderungsprozesse aufdecken und nachverfolgen. In Interviews gehen wir der Frage nach, wo Wissenschaft und Innovation in verschiedenen Bereichen im Hinblick auf ihren Openness-Grad stehen, welche Auswirkungen sich durch aktuelle Entwicklungen, wie zum Beispiel die Corona-Pandemie oder auch die Klimakrise ergeben und inwiefern sich daraus langfristig wirksame Veränderungen ergeben können.

    Dr. Lutz Möller ist Stellvertretender Generalsekretär der Deutschen UNESCO-Kommission. 2019 beauftragten alle 193 Mitgliedstaaten die UNESCO mit der Entwicklung einer „Empfehlung“ zu Open Science. Im Herbst 2021 soll dieser Völkerrechtstext beschlossen werden – der erste globale Völkerrechtstext zu Open Science überhaupt. Gerade fanden dazu die zwischenstaatlichen Verhandlungen der UNESCO statt – einem Beschluss im November steht nichts mehr im Wege.

    In Rahmen unseres Openness-Scanner diskutieren wir mit Lutz Möller, wie sich offene Praktiken im Zuge der Corona-Krise verändert haben, welche Chancen und Risiken damit verbunden sind und welche Rolle die Wissenschaft als Vorreiterin für eine offene Gesellschaft über nationale Grenzen hinweg spielen kann.

     

    Herr Möller, wo beobachten Sie, ausgelöst durch die Corona-Krise, Veränderungen bei offenen Praktiken in Wissenschaft und Innovation und in der Bereitschaft diese zu nutzen?

    Man muss kein Experte sein, um zu sehen, wie stark sich seit Beginn der Covid-19-Pandemie Praktiken verändert haben. Am sichtbarsten ist die neue Bedeutung von Preprints. Diese sind in einigen Wissenschaftsdisziplinen seit über 20 Jahren Standard, viele Forschende anderer Disziplinen hatten allerdings nicht einmal gehört von dieser Praktik. Mitten in der Pandemie wusste plötzlich sogar die „normale Bürgerin“ davon, wenn ein bekannter Virologe ein Preprint veröffentlicht hat, und dass man so publiziert, um schnell Fortschritt zu erzielen, dass man dessen Ergebnissen aber nicht unmittelbar den gleichen Wert zumessen kann wie einer begutachteten Veröffentlichung.

    Genauso intensiv wurde über Forschungsdaten gesprochen und wie wichtig deren Austausch für den wissenschaftlichen Fortschritt ist – sonst hätte das Team um Prof. Drosten an der Charité nicht schon Mitte Januar 2020 den ersten weltweiten Test für SARS-CoV-2 entwickeln können, sonst hätte man nicht in atemberaubender Geschwindigkeit ein umfassendes Verständnis des Virus und seiner Ausbreitungswege; sonst hätte man letztlich nicht ein halbes Dutzend Impfstoffe innerhalb nur eines Jahres entwickeln können. Dass man Offenheit und Privatheit genau abwägen muss, war ein Dauerthema und nicht nur bei der Entwicklung der Corona-App die entscheidende Frage.

    Ich denke, zweierlei ist zugleich passiert: Ein klarer, unumkehrbarer Impuls für deutlich mehr Offenheit in der Wissenschaft. Und die rapide Entwicklung von nüchternem Verständnis, dass man Öffnung nicht naiv und vorschnell angehen kann.

    Es war ein glücklicher Zufall, dass die UNESCO bereits Ende 2019 beschlossen hatte, bis November 2021 einen Völkerrechtstext (UNESCO Recommendation on Open Science) hierzu zu erarbeiten. So konnte sie seit Beginn der Pandemie die internationale Diskussion unterstützen und voranbringen.

    Bereits am 30. März 2020 hat die UNESCO eine globale Konferenz der Wissenschaftsminister:innen zu Open Science und Covid-19-Forschung organisiert. Hieran haben 77 Minister:innen aus aller Welt teilgenommen, darunter auch mehrere aus der Europäischen Union und die zuständigen Kommissarinnen der Europäischen Union und der Afrikanischen Union sowie die Chefwissenschaftlerin der WHO. Viele Minister:innen sprachen sich für die gezielte Ausweitung und Stärkung der Anwendung von Open Science-Prinzipien aus, gerade im Kontext der Covid-19-Pandemie. Zum Beispiel hatte bereits zuvor die französische Regierung freien öffentlichen Zugang zu allen Forschungsdaten und –ergebnissen zur Pandemie gefordert, für spezifisch geförderte Projekte ist dies in Frankreich gar eine Auflage. Es ist ein offensichtliches Ergebnis der genannten Videokonferenz, dass Open Science nun auch von denjenigen Regierungen vorangetrieben wird, die Open Science vermutlich bisher wenig Bedeutung beigemessen haben.

    Auch die Regierungsverhandlungen Anfang Mai 2021 zu dem UNESCO-Völkerrechtstext waren ein kraftvolles Signal für eine weitere Öffnung der Wissenschaft. Ohne Ausnahme haben sich die UNESCO-Mitgliedsstaaten für eine solche weitere Öffnung ausgesprochen („as open as possible“), die Verhandlungen im Detail galten der Verständigung darüber, unter welchen Bedingungen Öffnung nicht möglich ist – die zweite Hälfte der Formel („as closed as necessary“ hat es nicht einmal in den Text geschafft).

    Welche Chancen und Herausforderungen sind damit verbunden?  

    Die Chancen für Open Science als Bewegung sind groß und offensichtlich. Gleiches gilt für die Chancen der Wissenschaft, ihre Rolle als Vorreiter für eine offene Gesellschaft, die über Nationalgrenzen hinweg zusammenhält und sich vernetzt, noch klarer herauszuarbeiten. Schneller Fortschritt jetzt stärkt das Vertrauen der Zivilgesellschaft in das Wissenschaftssystem. Allerdings bestehen mehrere Herausforderungen, zum Beispiel:

    Erstens drohen Schnellschüsse bei der offenen Bereitstellung von Daten. Gute Forschungsdaten sollten verlässlich anonymisiert und mit Meta-Daten versehen publiziert werden, damit die Inhalte, wie in Rohdaten enthalten, richtig interpretiert werden. In der Konsequenz ist es wichtig, diese mit richtig vereinbarten offenen Lizenzen zu versehen, um Urheberrechte zu sichern.

    Weiterhin droht die Gefahr, dass bereitgestellte Forschungsdaten mit Vorsatz missbräuchlich genutzt werden. Hier muss sichergestellt werden, dass Wissenschaftler:innen und weitere Akteure über das nötige Know-how zur Einordnung dieser bereitgestellten Daten und den technischen Umgang damit verfügen. Das verlangt auch eine aufgeklärte/wissensaffine Zivilgesellschaft. Es braucht jetzt schnellen Lernfortschritt in der Wissenschaftspraxis und unterstützende Begleitangebote – nicht nur in Deutschland und Europa, sondern für Wissenschaftler:innen weltweit. Dieser Lernfortschritt muss von der Politik mit Weitsicht begleitet werden.

    Der Fokus liegt aktuell sehr stark auf Open Data und Open Access. Open Science meint aber viel mehr: von einer Öffnung der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft und der Wirtschaft bis hin zu internationaler Öffnung. Ein aktuell nötiger Fokus auf Open Data und Open Access sollte den umfassenden Anspruch von Open Science nicht verzerren, sondern auch den Blick auf die Einbeziehung weiterer Bereiche von Open Science, wie beispielsweise Citizen Science und Open Innovation lenken.

    Wie denken Sie, wird Ihr Arbeitsbereich im Hinblick auf Openness und Kollaboration nach der Krise aussehen?

    Die Deutsche UNESCO-Kommission hat im Zuge der Covid-19-Pandemie ihre Arbeit zu Open Science intensiviert. Unser Vorstand hat bereits am 2. April 2020 eine Stellungnahme beschlossen, die von einigen unserer Partner:innen weltweit aufgegriffen wurde: Link

    Wir haben Publikationen vorgestellt, mehrere Webinare organisiert und Open Science in verschiedenen Konferenzen zum Thema gemacht. Wir werden uns auch künftig in die Debatte einbringen und auch Open Science mit der Förderung von guter wissenschaftlicher Praxis verknüpfen. Vor allem aber freuen wir uns darauf, dass die UNESCO im November 2021 den ersten globalen Völkerrechtstext zu Open Science beschließen wird. Ich freue mich auch darüber, dass die Qualität dieses Texts hoch sein wird, und Open Science weltweit in den nächsten Jahren voranbringen wird.