Wo stehen Wissenschaft und Innovation in Hinblick auf ihren Openness-Grad? Welche Auswirkungen ergeben sich durch aktuelle Entwicklungen, wie zum Beispiel die Corona-Pandemie oder auch die Klimakrise? Und, können sich daraus auch langfristig wirksame Veränderungen ergeben?
Wir gehen auf Tuchfühlung mit unserer Community und geben ihr hier eine Stimme.

  • Dr. Felix Müller

    Ökosysteme und lokale Kooperationen werden als Innovationstreiber immer wichtiger. Ein Interview mit Dr. Felix Müller.

    Mit unserem Openness-Scanner wollen wir Veränderungsprozesse aufdecken und nachverfolgen. In Interviews gehen wir der Frage nach, wo Wissenschaft und Innovation in verschiedenen Bereichen im Hinblick auf ihren Openness-Grad stehen, welche Auswirkungen sich durch aktuelle Entwicklungen, wie zum Beispiel die Corona-Pandemie oder auch die Klimakrise ergeben und inwiefern sich daraus langfristig wirksame Veränderungen ergeben können.

    Felix Müller ist Head of Academia Relations & Networks im Bereich Research, Development & Innovation bei Evonik Operations GmbH. Er ist außerdem Teil unseres innOpeers Lernnetzwerkes für Open Innovation. Wir haben Felix Müller zu Beginn der Corona-Pandemie 2020 zum ersten Mal interviewed und ein Jahr später nun mit ihm reflektiert, was sich seitdem verändert hat.

    Felix Müllers Interview-Antworten sind seine persönliche Einschätzung als Privatperson.

    Guten Tag, Herr Müller! Schön mit Ihnen zu sprechen. Können Sie uns ein wenig über Ihren Hintergrund erzählen?

    Gerne. Ich bin Chemiker, habe 1992 in Chemie promoviert und dann in der chemischen Industrie gearbeitet. Erst bei der Firma Goldschmidt, die dann zur SKW wurde, die dann zur Degussa wurde, die dann zu Evonik wurde. Viele Jahre in einem Feld, wo es um Rohstoffe für Waschmittel, Kosmetik, Nahrungsmittel, eine ganze Menge Produkte des täglichen Daseins ging, die im Regelfall heutzutage per Open Innovation, in Kooperation mit Unternehmen, die die Produkte an den Markt bringen, vermarktet werden. Seit zehn Jahren bin ich bei Evonik Partner für die Hochschulen, um Open Innovation Themen aufzugreifen und gemeinsame Projekte voranzutreiben.

    Wir haben Sie vor einem Jahr zu ersten Mal interviewed. Wo haben Sie damals, ausgelöst durch die Corona-Krise, Veränderungen bei offenen Praktiken in Wissenschaft und Innovation beobachtet und in der Bereitschaft diese zu nutzen?

    Bereits 2020 hatte ich persönlich das Gefühl, dass wir mit der Corona-Krise noch ganz am Anfang stehen. Damals habe ich gesagt – keiner kann kompetent die gesundheitlichen und ökonomischen Konsequenzen abschätzen, vor allem in Ländern mit begrenzter medizinischer Infrastruktur.

    Ich habe vor allem in der modernen Service-industrie dramatische Verwerfungen erwartet und prognostiziert, dass sich die versorgenden Bereiche, Landwirtschaft und Industrie auf eine stärker lokal orientierte Versorgungskette vorbereiten müssen. Für Open Innovation dachte ich, wäre das sicher eine erhebliche Belastung. Projekte und Initiativen würden weiterverfolgt, aber die starke Fokussierung auf mehr oder weniger ein Thema würden neue Ansätze schwierig machen.

    Und was sagen Sie heute?

    Also ich glaube überspitzt gesagt, die Bundesregierung hat meine Einschätzung wahrscheinlich Wort für Wort gelesen, denn sie hat sich ja doch stark darauf fokussiert, gerade die produzierende Industrie in der Krise sehr stark in ihrer Funktionalität zu erhalten.

    Und man sieht auch ganz klar, für Open Innovation ist das nach wie vor eine Belastung. Insbesondere in der Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Hochschulen. In den letzten 12 Monaten haben wir gefühlt ein Drittel weniger an Forschungsleistungen gesehen als in früheren Jahren. Es gab auch weniger Masterarbeiten, Doktorarbeiten und Paper. In unserem Bereich lag das vor allem an den fehlenden Labor Zeiten, die sind mit der Pandemie auf der Strecke geblieben. Der Austausch von Daten ist auch weiterhin schwierig, aber wir haben gelernt zu improvisieren und es gibt mittlerweile bessere technische Lösungen. Da entstehen zurzeit spannende Innovationen.

    Welche Chancen und Herausforderungen sind mit den beschriebenen Veränderungen verbunden?

    Ich sehe sowohl Chancen als auch Herausforderungen. Vor einem Jahr hatte ich in unserem Gespräch bereits gesagt, dass insbesondere neue lokale Innovationsallianzen aufgesetzt werden müssen und dass, wer es schafft, als Hochschule oder Unternehmen sich zu positionieren und neue Verbindungen zu schmieden im Vorteil ist. Das hat sich in der Pandemie bewahrheitet. Von Darmstadt und Hanau nach Mainz ist es natürlich nicht weit und Kooperationen funktionieren auch in der Krise einwandfrei. Manches ist einfacher als in der Zusammenarbeit zum Beispiel mit Amerika oder Asien. Ich sehe immer mehr lokale Innovationsallianzen in immer mehr Bereichen – in Deutschland und auch in Europa. Wir haben zum Beispiel viele Kooperationen zwischen Nordrhein-Westfalen mit Belgien oder Holland. Da gibt es einige große Initiativen, die insbesondere über regionale Netzwerke funktionieren. Beispielsweise Brightlands, das auch in der Pandemie viel Interaktion bietet, oder NWMP (Cluster NanoMicroWerkstoffePhotonik in NRW. Hilfreich ist hier sicherlich, dass diese auch politisch gefördert werden.

    Wie denken Sie, wird Ihr Arbeitsbereich im Hinblick auf Openness und Kollaboration nach der Krise aussehen?

    Auch nach der Corona-Krise wird kein industrieller Stakeholder in der Wertschöpfungskette alleine in der Lage sein, grundlegende Innovationen in einem begrenzten Zeitrahmen durchzuführen. Daher ist ein Ökosystem von der Hochschule bis zum Consumer Goods Produzenten oder OEM dann genauso notwendig wie vor der Krise. Die Partner werden dann aber vermutlich jeweils erstmal lokaler sein.

  • Dr. Lutz Möller

    Die Chancen für Open Science als Bewegung sind groß und offensichtlich! Ein Interview mit Dr. Lutz Möller, Stellvertretendem Generalsekretär der Deutschen UNESCO-Kommission.

    Mit unserem Openness-Scanner wollen wir Veränderungsprozesse aufdecken und nachverfolgen. In Interviews gehen wir der Frage nach, wo Wissenschaft und Innovation in verschiedenen Bereichen im Hinblick auf ihren Openness-Grad stehen, welche Auswirkungen sich durch aktuelle Entwicklungen, wie zum Beispiel die Corona-Pandemie oder auch die Klimakrise ergeben und inwiefern sich daraus langfristig wirksame Veränderungen ergeben können.

    Dr. Lutz Möller ist Stellvertretender Generalsekretär der Deutschen UNESCO-Kommission. 2019 beauftragten alle 193 Mitgliedstaaten die UNESCO mit der Entwicklung einer „Empfehlung“ zu Open Science. Im Herbst 2021 soll dieser Völkerrechtstext beschlossen werden – der erste globale Völkerrechtstext zu Open Science überhaupt. Gerade fanden dazu die zwischenstaatlichen Verhandlungen der UNESCO statt – einem Beschluss im November steht nichts mehr im Wege.

    In Rahmen unseres Openness-Scanner diskutieren wir mit Lutz Möller, wie sich offene Praktiken im Zuge der Corona-Krise verändert haben, welche Chancen und Risiken damit verbunden sind und welche Rolle die Wissenschaft als Vorreiterin für eine offene Gesellschaft über nationale Grenzen hinweg spielen kann.

     

    Herr Möller, wo beobachten Sie, ausgelöst durch die Corona-Krise, Veränderungen bei offenen Praktiken in Wissenschaft und Innovation und in der Bereitschaft diese zu nutzen?

    Man muss kein Experte sein, um zu sehen, wie stark sich seit Beginn der Covid-19-Pandemie Praktiken verändert haben. Am sichtbarsten ist die neue Bedeutung von Preprints. Diese sind in einigen Wissenschaftsdisziplinen seit über 20 Jahren Standard, viele Forschende anderer Disziplinen hatten allerdings nicht einmal gehört von dieser Praktik. Mitten in der Pandemie wusste plötzlich sogar die „normale Bürgerin“ davon, wenn ein bekannter Virologe ein Preprint veröffentlicht hat, und dass man so publiziert, um schnell Fortschritt zu erzielen, dass man dessen Ergebnissen aber nicht unmittelbar den gleichen Wert zumessen kann wie einer begutachteten Veröffentlichung.

    Genauso intensiv wurde über Forschungsdaten gesprochen und wie wichtig deren Austausch für den wissenschaftlichen Fortschritt ist – sonst hätte das Team um Prof. Drosten an der Charité nicht schon Mitte Januar 2020 den ersten weltweiten Test für SARS-CoV-2 entwickeln können, sonst hätte man nicht in atemberaubender Geschwindigkeit ein umfassendes Verständnis des Virus und seiner Ausbreitungswege; sonst hätte man letztlich nicht ein halbes Dutzend Impfstoffe innerhalb nur eines Jahres entwickeln können. Dass man Offenheit und Privatheit genau abwägen muss, war ein Dauerthema und nicht nur bei der Entwicklung der Corona-App die entscheidende Frage.

    Ich denke, zweierlei ist zugleich passiert: Ein klarer, unumkehrbarer Impuls für deutlich mehr Offenheit in der Wissenschaft. Und die rapide Entwicklung von nüchternem Verständnis, dass man Öffnung nicht naiv und vorschnell angehen kann.

    Es war ein glücklicher Zufall, dass die UNESCO bereits Ende 2019 beschlossen hatte, bis November 2021 einen Völkerrechtstext (UNESCO Recommendation on Open Science) hierzu zu erarbeiten. So konnte sie seit Beginn der Pandemie die internationale Diskussion unterstützen und voranbringen.

    Bereits am 30. März 2020 hat die UNESCO eine globale Konferenz der Wissenschaftsminister:innen zu Open Science und Covid-19-Forschung organisiert. Hieran haben 77 Minister:innen aus aller Welt teilgenommen, darunter auch mehrere aus der Europäischen Union und die zuständigen Kommissarinnen der Europäischen Union und der Afrikanischen Union sowie die Chefwissenschaftlerin der WHO. Viele Minister:innen sprachen sich für die gezielte Ausweitung und Stärkung der Anwendung von Open Science-Prinzipien aus, gerade im Kontext der Covid-19-Pandemie. Zum Beispiel hatte bereits zuvor die französische Regierung freien öffentlichen Zugang zu allen Forschungsdaten und –ergebnissen zur Pandemie gefordert, für spezifisch geförderte Projekte ist dies in Frankreich gar eine Auflage. Es ist ein offensichtliches Ergebnis der genannten Videokonferenz, dass Open Science nun auch von denjenigen Regierungen vorangetrieben wird, die Open Science vermutlich bisher wenig Bedeutung beigemessen haben.

    Auch die Regierungsverhandlungen Anfang Mai 2021 zu dem UNESCO-Völkerrechtstext waren ein kraftvolles Signal für eine weitere Öffnung der Wissenschaft. Ohne Ausnahme haben sich die UNESCO-Mitgliedsstaaten für eine solche weitere Öffnung ausgesprochen („as open as possible“), die Verhandlungen im Detail galten der Verständigung darüber, unter welchen Bedingungen Öffnung nicht möglich ist – die zweite Hälfte der Formel („as closed as necessary“ hat es nicht einmal in den Text geschafft).

    Welche Chancen und Herausforderungen sind damit verbunden?  

    Die Chancen für Open Science als Bewegung sind groß und offensichtlich. Gleiches gilt für die Chancen der Wissenschaft, ihre Rolle als Vorreiter für eine offene Gesellschaft, die über Nationalgrenzen hinweg zusammenhält und sich vernetzt, noch klarer herauszuarbeiten. Schneller Fortschritt jetzt stärkt das Vertrauen der Zivilgesellschaft in das Wissenschaftssystem. Allerdings bestehen mehrere Herausforderungen, zum Beispiel:

    Erstens drohen Schnellschüsse bei der offenen Bereitstellung von Daten. Gute Forschungsdaten sollten verlässlich anonymisiert und mit Meta-Daten versehen publiziert werden, damit die Inhalte, wie in Rohdaten enthalten, richtig interpretiert werden. In der Konsequenz ist es wichtig, diese mit richtig vereinbarten offenen Lizenzen zu versehen, um Urheberrechte zu sichern.

    Weiterhin droht die Gefahr, dass bereitgestellte Forschungsdaten mit Vorsatz missbräuchlich genutzt werden. Hier muss sichergestellt werden, dass Wissenschaftler:innen und weitere Akteure über das nötige Know-how zur Einordnung dieser bereitgestellten Daten und den technischen Umgang damit verfügen. Das verlangt auch eine aufgeklärte/wissensaffine Zivilgesellschaft. Es braucht jetzt schnellen Lernfortschritt in der Wissenschaftspraxis und unterstützende Begleitangebote – nicht nur in Deutschland und Europa, sondern für Wissenschaftler:innen weltweit. Dieser Lernfortschritt muss von der Politik mit Weitsicht begleitet werden.

    Der Fokus liegt aktuell sehr stark auf Open Data und Open Access. Open Science meint aber viel mehr: von einer Öffnung der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft und der Wirtschaft bis hin zu internationaler Öffnung. Ein aktuell nötiger Fokus auf Open Data und Open Access sollte den umfassenden Anspruch von Open Science nicht verzerren, sondern auch den Blick auf die Einbeziehung weiterer Bereiche von Open Science, wie beispielsweise Citizen Science und Open Innovation lenken.

    Wie denken Sie, wird Ihr Arbeitsbereich im Hinblick auf Openness und Kollaboration nach der Krise aussehen?

    Die Deutsche UNESCO-Kommission hat im Zuge der Covid-19-Pandemie ihre Arbeit zu Open Science intensiviert. Unser Vorstand hat bereits am 2. April 2020 eine Stellungnahme beschlossen, die von einigen unserer Partner:innen weltweit aufgegriffen wurde: Link

    Wir haben Publikationen vorgestellt, mehrere Webinare organisiert und Open Science in verschiedenen Konferenzen zum Thema gemacht. Wir werden uns auch künftig in die Debatte einbringen und auch Open Science mit der Förderung von guter wissenschaftlicher Praxis verknüpfen. Vor allem aber freuen wir uns darauf, dass die UNESCO im November 2021 den ersten globalen Völkerrechtstext zu Open Science beschließen wird. Ich freue mich auch darüber, dass die Qualität dieses Texts hoch sein wird, und Open Science weltweit in den nächsten Jahren voranbringen wird.

  • Jörg Trinkwalter

    „Cross industry“ Kooperationen sorgen für neuen Innovationsschub. Ein Interview mit Jörg Trinkwalter.

    Mit unserem Openness-Scanner wollen wir Veränderungsprozesse aufdecken und nachverfolgen. In Interviews gehen wir der Frage nach, wo Wissenschaft und Innovation in verschiedenen Bereichen im Hinblick auf ihren Openness-Grad stehen, welche Auswirkungen sich durch aktuelle Entwicklungen, wie zum Beispiel die Corona-Pandemie oder auch die Klimakrise ergeben und inwiefern sich daraus langfristig wirksame Veränderungen ergeben können.

    Jörg Trinkwalter sitzt im Executive Board von Medical Valley, dem Medizintechnik-Cluster in der Europäischen Metropolregion Nürnberg. Vor einem Jahr haben wir ihn zum ersten Mal interviewt. Nach einem Jahr Corona-Pandemie sprechen wir nun erneut darüber, wie er die daraus resultierenden Veränderungen damals und heute einschätzt.

    Die Interview-Antworten repräsentieren die persönliche Einschätzung von Jörg Trinkwalter.

    Guten Tag, Herr Trinkwalter! Schön, dass wir heute sprechen.

    Können Sie uns sagen, wo Sie zu Beginn der Corona-Krise Veränderungen bei offenen Praktiken in Wissenschaft und Innovation gesehen haben und in der Bereitschaft diese zu nutzen?

    Sehr gerne. Wir im Medical Valley haben damals bemerkt, dass es mit Beginn der Corona-Krise eine verstärkte Bereitschaft gab, in das Feld „Gesundheitswirtschaft“ einzusteigen, auch von branchenfremden Institutionen und Unternehmen. Die Gesundheitswirtschaft ist ein stabiler globaler Wachstumsmarkt, der von vielen Unternehmen als neue Chance begriffen wird.  Das Potential dieser Entwicklung liegt für mich ganz klar in der Etablierung interessanter „cross industry“ Kooperationen und einem dadurch ausgelösten Innovationsschub.

    Und wie beurteilen Sie das heute?

    Die Corona Pandemie hat deutlich gezeigt, dass Gesundheitswirtschaft ein wichtiges Feld ist und volkswirtschaftlich immer bedeutsamer wird. Das Thema Digitalisierung ist hierbei, wie in anderen Branchen, der Kerntreiber. Durch die Pandemie sehen wir eine stark gestiegene Akzeptanz und Nutzung von digitalen Angeboten, insbesondere im Bereich Telemedizin.
    Viele Initiativen auf Gesetzgeberseite, wie das digitale Versorgungsgesetz oder das Krankenhauszukunftsgesetz, sorgen aktuell zusätzlich für einen Innovationsschub und tragen dazu bei, den Investitionsstau der letzten Jahre zu lindern . Somit entstehen neue Marktsegmente rund um das Thema Gesundheit:  Ich denke da z.B. an die Automobilindustrie, die Gesundheitsanwendungen ins Auto bringen wollen oder Küchengerätehersteller, die digitale Gesundheitsdienstleistungen integrieren wollen.

    Ob sich dadurch die Kultur für offene Innovationsprozesse verbessert hat, kann ich nicht sagen, aber der Druck ist auf jeden Fall da. Große Firmen innovieren immer weniger selbst, sondern immer mehr über Open Innovation Prozesse. Das heißt, sie müssen sich immer mehr frühphasigen Ideen und Startups öffnen. Dieselbe Tendenz sieht man in der Pharmaindustrie, die ebenfalls versucht, um ihre Therapien herum digitale, komplementäre Produkte zu arrondieren.

    In unserem Feld, also der Medizintechnik, hat Corona ein ganz ambivalentes Bild erzeugt. Wir haben Medizinproduktehersteller, die sehr darunter gelitten haben, dass im Lockdown weltweit elektive Eingriffe wie z.B. Hüftimplantationen ausgesetzt wurden. Die Nachwehen dieser Situation sind immer noch spürbar.

    Welche Chancen und Herausforderungen haben Sie damit vor einem Jahr gesehen?

    In cross industry-Kooperationen sah ich die Chance, dass sich mehr deutsche Unternehmen an der Wertschöpfungskette der Gesundheitswirtschaft beteiligen könnten. Dabei war und ist eine der zentralen Herausforderungen die regulatorischen Vorgaben und Prozesse. Sobald Unternehmen in die Produktion und Inverkehrbringung von Medizinprodukten einsteigen wollen, müssen sie die entsprechen regulatorischen Voraussetzungen erfüllen.

    Und wie ist der Stand heute?

    Da hat sich nicht viel verändert. Ein Automobilhersteller wird nicht zum Medizinproduktehersteller werden, das hätte zu große Konsequenzen für bestehende Prozesse wie bspw. die Qualitätsmanagement- und Risikomanagementsysteme. Das ist nach wie vor eine große Hürde! Im ersten Lockdown haben wir viele Anfrage bekommen, von Automobilherstellern, die Beatmungsgeräte herstellen wollten. Technisch wäre das möglich gewesen, aber regulatorisch ist das größtenteils gescheitert.

    Was aber über die Sektoren hinweg viel wichtiger zu integrieren sein wird als die Herstellung von Gesundheitsprodukten, sind digitale Anwendungen und die Plattformen, auf denen Gesundheitsanwendungen verfügbar gemacht werden.

    Wie denken Sie, wird Ihr Arbeitsbereich im Hinblick auf Openness und Kollaboration nach der Krise aussehen?

    Innovationen für Gesundheit bedingen schon immer transdisziplinäre Kooperationen. Dieser Bedarf wird weiter zunehmen.

    Und noch etwas hat die Corona-Zeit gezeigt: Kollaborative Formate funktionieren rein digital schlechter als physische Events! Virtuelle Events im Sinne der Wissensvermittlung, also Kongresse, Workshops, Vorträge, sind kein Problem. Aber der informelle Austausch, der für Vertrauensbildung so wichtig ist, kam nicht oder nur begrenzt zustande. Und das ist aber ganz entscheidend, um von der Vernetzung zum kollaborativen Arbeiten und zu Produkten zu kommen.

  • Dr. Max Voegler

    Wir brauchen vertrauenswürdige Filter zur Bewertung von Wissenschaft und Forschung – insbesondere in einem offenen Innovationssystem. Ein Interview mit Dr. Max Voegler.

    Mit unserem Openness-Scanner wollen wir Veränderungsprozesse aufdecken und nachverfolgen. In Interviews gehen wir der Frage nach, wo Wissenschaft und Innovation in verschiedenen Bereichen im Hinblick auf ihren Openness-Grad stehen, welche Auswirkungen sich durch aktuelle Entwicklungen, wie zum Beispiel die Corona-Pandemie oder auch die Klimakrise zeigen und inwiefern sich daraus langfristig wirksame Veränderungen ergeben können.

    Max Voegler ist VP Global Strategic Networks – DACH bei Elsevier. Im Interview haben wir mit ihm über „Thinking, Fast and Slow“ als wichtiges Bewertungskriterium für Openness in Zeiten der Corona-Krise gesprochen und darüber diskutiert, dass es generell neue Filter braucht, um Forschungsergebnisse zu beurteilen.

    Herr Voegler, schön mit Ihnen zu sprechen. Hat die Corona-Krise die Praxis der Wissenschaft grundlegend verändert? Und wenn ja, wie?

    Hat die Corona-Krise die Praxis der Wissenschaft grundlegend verändert? Es gibt deutliche Indizien dafür: Der Corona-Ausbruch begann Mitte Dezember 2019 in China. Bereits am 24. Januar 2020 erschienen die ersten Artikel nach abgeschlossenem Peer-Review-Verfahren dazu in der renommierten Fachzeitschrift The Lancet. Die erste Sequenzierung des Genoms wurde im Februar veröffentlicht und inzwischen sind eine dreistellige Zahl an Artikeln global zu Corona erschienen. Die Krise hat somit Quantität und Geschwindigkeit der Forschung deutlich beeinflusst.

    Ein zweiter Aspekt ist die Offenheit, mit der eine große Bandbreite an Forschungsergebnissen zur Verfügung gestellt wurde. Daten aus verschiedensten Laboren wurden auf schnellstem Weg global zugänglich gemacht und viele Forschergruppen haben die eigene Forschung als Vorveröffentlichung zur Verfügung gestellt. Zentrale Einrichtungen, wie zum Beispiel Elixir/EMBL-EBI haben als Teil des Offenen Datenportals der EU ein Datenrepositorium zu Covid-19-relevanten wissenschaftlichen Datensets veröffentlicht. Kommerzielle Anbieter wie auch Elsevier haben relevante Artikel, Lehrbücher, Repositorien und weitere Produkte freigeschaltet, um Ärzten, Pflegepersonal und Forschern wichtige Informationen zugänglich zu machen. Elsevier hat inzwischen mehrere „Corona-Hubs” zusammengestellt, die auf verschiedene Zielgruppen (Forscher, Patientenversorgung) zugeschnitten relevante Artikel und Lehrbücher, Podcasts sowie Zugänge zu Forscherprofilen und Zeitungsartikeln zu Corona bieten.

    Beides war gleich zu Beginn der Corona-Krise zu beobachten und gilt heute noch. Die Zahlen sind gestiegen und der Impuls der Wissenschaft mehr und mehr zu publizieren und Daten zu öffnen, geht weiter. Aktuell zeigt sich, dass Erkenntnisse aus Offener Wissenschaft nicht nur schnell sein können, sondern auch qualitativ gut. Und das ist eine Frage von Ressourcen. Wenn man genug Ressourcen zur Verfügung stellt, dann kann man innerhalb von einem Jahr nicht nur Impfstoff entwickeln, sondern auch regulative Hürden durchbrechen. Und das war vor sechs oder acht Monaten noch nicht so klar, ob das funktionieren würde. Das ist eine wichtige Erkenntnis, dass schnell nicht unbedingt schlecht sein muss. Mit genug Ressourcen kann schnell auch gut sein.

    Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie in den Veränderungsprozessen?

    Ich musste im letzten Jahr oft an das Buch „Thinking, Fast and Slow” des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman denken, in dem er zwischen zwei Arten von Denkprozessen unterscheidet: „Fast“ passiert dabei schnell und automatisch, auf unterbewussten Vorkenntnissen und Biases beruhend. Diese Art zu denken ist unmittelbar und bestimmt unseren Alltag. „Slow” ist hingegen logisch, berechnend, bewusst und somit reflektierter. In dieser Krise wurde und wird deutlich, dass wir nicht nur die Abläufe in der Wissenschaft, sondern vor allem auch die Interaktion zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft vor diesem Hintergrund reflektieren sollten und die damit verbundenen Chancen und Herausforderungen. Eine gesteigerte Geschwindigkeit und Quantität können bedeuten, dass die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeiten relativ unreflektiert und ungefiltert in die Medien und an die breite Öffentlichkeit geraten. Das ist im letzten Jahr teilweise passiert. Und auch wenn wir jetzt schnelle und qualitativ hochwertige Forschung sehen, denke ich, dass wir auch in diesem Zusammenhang ganz bewusst zwischen „fast“ und „slow“ unterscheiden müssen – also zwischen laufender Forschung und solcher, deren Ergebnisse bereits Rückschlüsse zulässt. Diese Unterscheidung muss sehr klar in die Gesellschaft hinein kommuniziert und als Bewertungskriterium auch für politische Entscheidungsprozesse herangezogen werden. Denn das wirkt sich unmittelbar auf das Vertrauen der Gesellschaft in die Wissenschaft aus. Das ist wichtig – wenn wir über Chancen und Herausforderungen sprechen – dann müssen wir uns mit Trust in Science beschäftigen.

    Wie denken Sie, wird Ihr Arbeitsbereich im Hinblick auf Openness und Kollaboration nach der Krise aussehen?

    Bezogen auf meiner Arbeitsbereich – aus Sicht eines Verlages, der stark Richtung Information and Analytics geht und arbeitet – geht es in Bezug auf Openness sehr stark um Möglichkeiten der qualitativ gesicherten und themen- oder disziplinbezogene Filter, um das Offene Innovationssystem nutzbar zu machen. Denn die komplett offene Welt ist erstmal eine Welt ohne Filter. Es gibt kein gut oder schlecht, links oder rechts, sondern zunächst nur ungefiltertes Wissen, das nicht unbedingt nützlich ist, wenn man den Kontext nicht versteht. Also: es ist schön und gut, dass die Wissenschaft, wissenschaftliches Wissen produziert, aber die Gesellschaft muss dieses auch für sich nutzbar machen und bewerten können.

    Was genau meinen Sie mit vertrauenswürdigen Filtern und wie können wir dahin kommen?

    Das Problem ist, dass wir gerade in einem Prozess sind, bei dem Wissenschaftler:innen selbst überlegen, was „besser“ oder „schlechter“ heißt. Verlage können dabei mit ihren Entwicklungen in Bezug auf Peer-Review unterstützen oder auch in Bezug auf Impact Messung. Zitationen sind im Grunde eine Art von Währung in der Wissenschaft. Ein anderer Filter könnte aber zum Beispiel die SDGs (Sustainable Development Goals) sein – also: produziert die Wissenschaftscommunity das Wissen, das die Welt braucht, um SDG6, „Wasser und Sanitärversorgung für alle“ als globale Herausforderung zu lösen. Wir können zeigen, wie gut Unis in Bezug auf ihre Forschung und -themen im Bereich Climate Action oder in Gender Balance sind. Der Begriff „Impact“ ist im Wandel. Und man kann natürlich auch andere Sachen überlegen – zum Beispiel ein Transdisciplinary Ranking, also wie oft Publikationen innerhalb der eigenen Disziplin und außerhalb zitiert werden. Die Frage ist, ob das als nützlich gesehen wird? Aber zurück zum Thema „Openness“: Insgesamt braucht Openness eine Bewertung, also was soll wann und wie und für wen offengelegt werden? Und diese Bewertung ist ein Orientierungsfilter, den man auf die offene Welt setzen kann, um diese nützlich zu machen. Das schwierige: Wie sehen solche Orientierungshilfen aus und wie funktionieren sie?  Diese Frage zu beantworten, das ist spannend momentan.

    Was wünschen Sie sich in Hinblick auf das Thema Offenheit für die nächsten fünf bis zehn Jahre?

    Ich glaube, es wäre gut, wenn die Leute verstehen würden, dass Offenheit nicht der eigentliche Wert ist, sondern Wissen nützlich zu machen. Das muss das Ziel sein. Dafür müssen wir klären, wie man wissenschaftliches Wissen so gut wie möglich erreichbar, transparent und nachnutzbar machen kann. Offenheit ist eine mögliche Strategie, um dahin zu kommen, aber nicht die einzige.

  • Luiza Bengtsson, Verena Haage

    Kollaborative Open Science Plattformen und frei zugängliche Webinare werden vermehrt genutzt. Luiza Bengtsson und Verena Haage aus einer Umfrage am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin Berlin.

    Mit unserem Openness-Scanner wollen wir Veränderungsprozesse aufdecken und nachverfolgen. In Interviews gehen wir der Frage nach, wo Wissenschaft und Innovation in verschiedenen Bereichen im Hinblick auf ihren Openness-Grad stehen, welche Auswirkungen sich durch aktuelle Entwicklungen, wie zum Beispiel die Corona-Pandemie oder auch die Klimakrise ergeben und inwiefern sich daraus langfristig wirksame Veränderungen ergeben können.

    Luiza Bengtsson arbeitet als Wissenschaftskommunikatorin am Max-Delbrück Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz Gemeinschaft. Gemeinsam mit Verena Haage, die inzwischen als Post-Doc in die USA gegangen ist, hat sie im April 2020 eine Umfrage am MDC zu offener Wissenschaft in der Corona-Krise gestartet. Aus diesen Umfrageergebnissen der Wissenschaftler:innen extrahierten uns die beiden Antworten für unseren Openness-Scanner. Bei einem Folgeinterview ein Jahr später gab uns Luiza Bengtsson ihre persönliche, aktuelle Einschätzung zu denselben Fragen.

    Die Antworten repräsentieren die Umfrageergebnisse und Meinungen der befragten Wissenschaftler:innen, sowie die persönliche Meinung unserer Interview-Partnerin.

    Wo beobachten Sie, ausgelöst durch die Corona-Krise, Veränderungen bei offenen Praktiken in Wissenschaft und Innovation und in der Bereitschaft diese zu nutzen?

    Antwort der Erstbefragung im April 2020:

    Die Wissenschaftler:innen gaben an, dass Open Science Plattformen wie bioRxiv.org, collabovid.org, MediArXiv seit dem Ausbruch der Corona-Krise häufiger genutzt würden, sowie aktuelle Forschung zu COVID-19 intensiver von Wissenschaftlern:innen auf Twitter diskutiert und kommentiert wird. Eine weitere COVID-19 bedingte Innovation ist eine erhöhte Anzahl virtueller wissenschaftlicher Meetings/Konferenzen sowie frei zugängliche wissenschaftliche Webinare.

    Antwort der Anschlussbefragung im April 2021:

    Aus Sicht von Luiza Bengtsson neu dazugekommen ist – auch unabhängig von Corona – die wachsende Relevanz und Aufmerksamkeit auf das Thema Data Management. Data Stewards gibt es inzwischen an fast jedem Institut, und auch in die Doktorandenausbildung wird das Thema integriert. Nationale Dateninfrastrukturen werden aufgebaut, die Arbeit der European Science Cloud nimmt Fahrt auf, und auch in BMBF Ausschreibungen werden Datenmanagement und Datentreuhänder immer präsenter.

    Open Data folgt dabei der Open Science Bewegung: Es wird immer gute Gründe geben, zum Beispiel Business-Daten geheim zu halten. Aber die Bereitschaft, Daten zu teilen, und das Bewusstsein über den Mehrwert werden auf allen Seiten größer.

    Welche Chancen und Herausforderungen sind damit verbunden?

    Antwort der Erstbefragung im April 2020:

    Kritisch äußerten sich die Wissenschaftlerinnen dazu, dass die Qualität und die fachspezifische Überprüfung durch das Peer-Reviewing wissenschaftlicher Studien zu COVID-19 in einigen Fällen zu leiden scheint, möglicherweise u.a. um aufgrund der Aktualität des Themas schneller publiziert zu werden als auch, um sich im COVID-19 Feld zu etablieren.

    Von der Corona-Krise erhoffen sich die beiden, dass die wissenschaftliche Community den Nutzen und den Wert öffentlicher Plattformen wie beispielsweise bioRxiv.org erkennt und dadurch langfristig Wissenschaft zu einem früheren Zeitpunkt im Veröffentlichungsprozess kritisch, offen und transparent von der breiteren wissenschaftlichen Masse diskutiert werden kann.

    Sie äußerten zudem die Hoffnung, dass im Zuge der Corona-Krise und der damit verbundenen erhöhten Nachfrage der schnellen und öffentlich zugänglichen Veröffentlichung von Studien zu COVID-19, mehr Wissenschaftler erkennen, dass es eines Wandels der scientific publishing landscape von zeit-und kosten-intensiven Prozessen hin zu einer transparenteren, schnelleren und effizienteren Kultur bedarf.

    Antwort der Anschlussbefragung im April 2021:

    Die Befürchtung, dass die wissenschaftliche Qualität unter dem Paradigmenwechsel leidet, ist nach Luiza Bengtssons Einschätzung weiterhin da. Es etablieren sich aber neue Mechanismen, die mit einer viel breiteren und öffentlicheren Diskussion nun einen ECHTEN Peer Review Prozess ermöglichen. Neben der klassischen Einordnung durch drei unbekannte Reviewer helfen öffentliche Diskussionen auf Twitter oder neuerdings ClubHouse der Community bei der Einordnung und Bewertung von Wissenschaft. Dadurch werden die klassischen Journal-Publikationen nicht mehr die einzig relevanten Informationsquellen.

    Die ursprüngliche Sorge vor kritischer Bloßstellung und Trollen hat sich größtenteils nicht bewahrheitet, die Diskussionen sind alles in allem genauso wertvoll, kritisch und manchmal auch hitzig wie auf live Konferenzen.

    Wie denken Sie, wird Ihr Arbeitsbereich im Hinblick auf Openness und Kollaboration nach der Krise aussehen?

    Antwort der Erstbefragung im April 2020:

    Auf die Frage, ob sie nachhaltige Veränderungen in Open Science Practices oder Kollaborationen in ihrem Forschungsfeld bedingt durch die Corona-Krise erwarten, gaben die Wissenschaftler:innen an, dass die Nutzung virtueller Kommunikation und Data sharing Plattformen durch die Krise sicherlich an Popularität gewonnen haben, sie ansonsten jedoch keinen langfristigen Veränderungen erwarten.

    Trotz der oben genannten Chancen, die die Corona-Krise für die Open Science Bewegung bietet, zeigen die geäußerten Zweifel, dass die Coronakrise zwar zu einer Sensibilisierung der wissenschaftlichen Community gegenüber Open Science Practices geführt haben könnte, jedoch auch noch nach der Krise ein langer Weg zu einer nachhaltigen Veränderung mit dem Ziel der Offenen Wissenschaft vor uns liegt.

    Antwort der Anschlussbefragung 2021:

    Laut Luiza Bengtsson geht der Trend hin zu mehr virtuellen, oder mittelfristig vor allem hybriden Wegen der Kollaboration. Das Bewusstsein für Daten wächst, und Data Science und Data Sharing bekommen immer mehr Bedeutung.